Toomas Nipernaadi (deutsch erstmals 1931 u.d. T.: Nippernaht und die Jahreszeiten)

Novels

Toomas Nipernaadi

Toomas Nipernaadi (Novels, Estonian)
Published by Loodus, 1928, pp. 430


Inhalt 

Ein klassischer Schelmenroman, der in sieben durch dieselbe Hauptperson miteinander verbundene Kapitel, die sich auch als einzelne Novellen lesen lassen (und als solche teilweise vorab erschienen waren), eingeteilt ist. Diese Hauptperson ist der Schriftsteller Toomas Nipernaadi, der jeden Sommer auf der Suche nach Inspiration mit seiner Kannel, dem zitherähnlichen traditionellen estnischen Saiteninstrument, über Land zieht und erst mit den ersten Schneeflocken wieder nach Hause zu Frau und Kindern zurückkehrt, um dann den ganzen Winter fleißig zu schreiben. Im Sommer aber nimmt er sich alle Freiheit und bezirzt durch sein selbstbewusstes Auftreten und seine weltmännische Eleganz die jungen Mädchen auf dem flachen Lande. Er tut dies jedoch nicht als Heiratsschwindler oder Hochstapler, sondern aus Liebe zum Erzählen, Träumen, Phantasieren und Begeistern. Bei all seinen Begegnungen bringt er es fertig, dass sich eine junge Frau in ihn verliebt, ohne dass es jemals zum direkten Kontakt oder gar zur Auflösung der Spannung kommt. Kurz bevor es soweit sein könnte, verschwindet der Held und lässt eine – scheinbar düpierte – Frau zurück. Letztlich hat der herumstreunende Schriftsteller aber die Herzen dieser Frauen geöffnet und für neue Dimensionen zugänglich gemacht, die ihnen bis dahin verschlossen waren. So gesehen muss man ihm die Flunkerei, die Lügengeschichten, mit denen er seine Partnerinnen einwickelt, verzeihen, denn er tut es für einen guten Zweck. Was übrig bleibt, ist am Ende nur seine eigene Melancholie, und nicht die der vermeintlichen Opfer, die alle gestärkt aus diesem sommerlichen Abenteuer hervorzugehen scheinen.
Das Buch enthält viel Humor und überraschende und unerwartete Passagen und Begebenheiten bis hin zu absurden Elementen. Und es ist birgt durch viele
Überraschungselemente auch eine gewisse Spannung in sich. Darüber hinaus wird auch viel Lokalkolorit geboten, was den besonderen Reiz ausmacht, da auf diese Weise das Universelle mit dem spezifisch Estnischen kombiniert wird, was für die Rezeption ausländischer Literatur eine notwendige, und hier besonders gelungene, Mischung ist. Dies lobten seinerzeit auch deutsche Autoren, die Gailit in eine Rehe mit bekannten Größen der Weltliteratur stellten:

Georg von der Vring: „...geographisch und dichterisch zwischen Hamsun und Gogol... – wer ist Nippernaht? Am Ende sind wir es selbst; wir kommen auf die Erde, wir erregen Liebe oder Haß oder auch gar nichts, wir schaffen Ordnung oder Unordnung, oder wir faulenzen, wir arbeiten und wühlen – am Ende heben wir uns davon und überlassen den Nachkommenden das Feld, wie das Rauchwölkchen eines Flintenschusses, wie Nippernaht.“ (Vossische Zeitung)

Hermann Hesse: „Es lohnt sich, dieses estnische Buch kennenzulernen, sein Klima ist dem der Hamsunschen Dichtungen verwandt.“


Manfred Hausmann: „Es war das erste estnische Buch, das mir in meinem Leben unter die Finger kam. Nun, es wird nicht das letzte sein.“

Hans Fallada: „Es ist ein fröhliches Buch, dieses Buch vom Nippernaht, und Nippernaht ist ein entfernter Verwandter von Till Eulenspiegel und von dem traurigeren Don Quichotte. Betrachtet man aber das Land; dieses endlose Waldland mit viel Seen und dem großen Himmel darüber, denkt man wieder an die Landschaft, in der Gösta Berling lebte.“ (Die Literatur)


Literaturhistorische Einordnung:
Gailits Roman ist unumstritten und unerschütterlich im estnischen Literaturkanon verankert und gehört zur Schullektüre in Estland. Dort ist er ein echter Klassiker und bis heute sehr beliebt. 1983 wurde er erfolgreich verfilmt. Auch im deutschsprachigen Raum ist der Roman via Kindler und Romanführer bedingt bekannt.

 

 

Cornelius Hasselblatt


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