DU UND ICH

Poetry

In Schweden entwischten im Zoo zwei Wölfe,
wühlten sich unterm Käfig durch
und machten sich davon.
Die Polizei erklärte die Wölfe zu steckbrieflich Gesuchten,
die Fotos der Wölfe wurden ins Netz gestellt.
Wer hat zwei entsprungene Wölfe gesehen,
der melde sich unverzüglich auf der nächsten Wache!

Am Sonntag, wenn wir mit dem Auto in den Zoo fahren,
dann sind da keine Wölfe mehr,
wir sind enttäuscht, aber
auf der Rückfahrt bessert sich die Laune.
Mami kauft im Supermarkt eine Tüte voll zu essen,
Papi tankt noch ein bisschen Benzin,
und wir schmeißen die leere Chipspackung aus dem Fenster.

Wir machen am Waldrand halt
und geraten uns alle in die Haare, denn der Sonntag ist so toll
und nur einmal pro Woche,
so dass jeder ein bisschen rummotzen darf,
den andern ein bisschen auf den Senkel gehen.
Es heißt doch: Wir müssen handeln! Wir müssen schneller handeln!

Aber wenn wir einen Moment lang allein sind im Dickicht,
wird uns angst, denn im Grunde wollen wir keinen Streit,
wir wollen alles,
was hell und licht ist, wir wollen die alten und die neuen Freunde wiederhaben,
und unser Geld und ein bisschen Freiheit.

Und wenn uns die Wölfe begegnen, dann sagen wir einfach, wir hätten
sie nicht gesehen. Tun so, als ob
wir nicht wüssten, dass es Wölfe sind.
Und sie sollen so tun, als wüssten sie nicht,
dass wir Menschen sind.
Dass wir nun mal
diejenigen welche sind.

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm

First published in Transcript 39 Estonia


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