Persönliche Freiheit

Poetry

Ich kann tun was ich will,
sitzen wo ich will, fliegen wohin auch immer,
wenn ich den Pass gezeigt, die Verdächtige gespielt,
beim Zoll auch die Schuhe ausgezogen, und doch
wieder in der Sicherheitsschleuse gepiept habe, dann
auch die Jacke ausgezogen und so den Zollbeamten zufriedengestellt habe.
Komisch, dass man im Flugzeug immer auf Kriminelle stößt –
wo wohnen die, über welche Grenzen fliegen die?

Ich sehe wie ein Verbrecher aus in meinem hellen Mantel und Schal,
ich fahre zum Poesiefestival, anständig, mütterlich,
mitspielend und lebhaft, psychologisch gesehen intelligent,
vielleicht sogar ein bisschen intrigant. Komisch – immer 
stößt man in diesen Flugzeugen auf gefährliche Typen.

Selbst ich kann tun was ich will, wenn ich
im Einkaufszentrum die Umfrage mitmache,
dann kriege ich Rabatt, was will ich noch mehr,
wenn ich ihnen Adresse, Telefon und Geburtstag,
den Namen des Ehegatten und die Höhe des Einkommens anvertraue.
Den Zustand unserer Körper, die Höhe unserer Ansprüche.
Ich kann wirklich tun was ich will! Komisch, immer
stößt man auf die unter uns, die ihre richtigen Daten verheimlichen –
wo wohnen die, über welche Grenzen fliegen die?

Ich kann jetzt sogar kaufen was ich will!
Der Kaufhausdetektiv schleicht hinter mir her, er ist schlau:
Vielleicht ist tatsächlich meinesgleichen viel wahrscheinlicher 
ein Dieb als der kahlrasierte Galgenstrick, der gerade in den Laden kam,
von ihm aber einfach übersehen wurde. Na er wird ihn schon sehen,
wenn er hinter meinem Rücken seine Runde gedreht, 
mit mir Versteck zwischen den Regalen gespielt und dann die Schnauze voll gehabt hat.
Komisch, daß trotz Überwachung Diebe im Laden einbrechen,
die in einer Nacht das ganze Gebäude ausräumen. Wo hausen die, 
hinter welchen Gattern treiben die sich rum?

Ich kann jetzt auch am Strand sitzen
und durchs Loch in einem Stein gucken, während sich hinter mir
eine Gesellschaft niederlässt, lautstark und plastikbepackt.
Sie nehmen an, dass ich gleich gehe, denn ich habe hier
bestimmt schon lange gesessen. Ich habe hier
seit Jahrzehnten gesessen, ich wechsle nur den Platz,
ich bin eine deutliche Spur, unsichtbar. Sich über nichts wundernder Sand.
Ringsherum der leere Strand, alle suchen sie dennoch die Nähe.
Zum Glück.
Wegen zuviel Nähe muß ich aufstehen und mir einen anderen Platz suchen.
Komisch, selbst aus dem Meer steigen Wesen hervor, die in einer Nacht
unsere ganze Küste leermachen können. Hier wohnen sie,
über diese Grenzen fliegen sie.

Aus dem Estnischen von Irja Grönholm

First published in Transcript 39 Estonia


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