Pilgerreise, Eine Geschichte aus dem ersten Kreuzzug

Novels

S.5-8

Ich heiße Dieter. Irgendwann war ich ein anderer, aber das ist nicht mehr wichtig. Das Land, aus dem ich stamme, ist nicht mehr dasselbe und die Menschen, die sich an mich erinnert haben, sind tot. Denn was ist schon ein Land und ein Volk? Nur ein Wassertröpfchen im Krug, nicht mehr. Ich habe es trotzdem versucht. Ich habe versucht, die Heimatküste zu finden. Mit Handschriften und Karten und den Geschichten der Reisenden. Sie ist nirgendwo. Aber ich erinnere mich an die Wolken an ihrem Himmel, den Nebel über ihren Auen und die Spur, die von der stumpfköpfigen Schlange blieb, wenn sie durch das frisch gemähte Gras glitt. Und ich weiß, dass ich nicht geträumt habe.
Die wahre Heimat ist die, zu der der Mensch auf dem Weg ist. Die man in seinen Gedanken trägt. In meinen Gedanken trage ich die Stadt, die wir von den Ungläubigen zurückerobert haben. Für mich ist sie in allem und jedem. Jede Nacht dringt die Wüste über meine Schwelle, weht der Wind, bewegen sich die Dünen und die Pilger durchqueren die Einöden. Dann ist es nicht nötig, vergilbte Reisebeschreibungen zu durchblättern, da jede von ihnen den Reisenden näher zu Gott führen muss, nicht in die Heimat. Im Zentrum jeder Karte liegt Jerusalem.


Aristoteles schreibt, dass im menschlichen Körper der gesamte Kosmos kartiert ist. Mein Körper ist eine Landkarte der Schmerzen. Sie hilft die Stellen zu finden, wo der Leib zerschnitten, verletzt und gebrochen wurde. Jede Narbe ist ein Teil der Reise. Jede Verletzung ist ein Schlachtfeld. Nachts auf dem Lager schließe ich die Augen und fahre mit den Fingern über das Land der Menschen: Nicäa, Doryläum, Harem, Antiochia, Kerbela, Jerusalem, Askalon.
Im Schmerz liegen ganz eigene Erinnerungen. In den Knien und der Hüfte pocht es vom Reiten. Die Schultern brennen vom Schwingen des Schwertes. Die Knöchel vom Fallen aus dem Sattel. Das alles sind nur oberflächliche Kratzer. Der wahre Schmerz liegt woanders. Während der Pilgerreise hieß es: kämpfe und fürchte dich nicht, das Leben kann man dir nehmen, aber deine Ehre niemals. Aber auch die kann man dir nehmen. Und aus Ehrlosigkeit wird Scham, die den Menschen bis an sein Lebensende begleitet. Die ihn erdrückt und zerfrisst und sich an jedem Tag auf Gottes Erden in Erinnerung ruft: heute, heute, heute. Heute. Wenn heute euer Tag ist, dann wisst ihr es. Und denen, die die Scham zu Boden drückt, kann ich sagen: Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Ich bin einer der euren.


Ich habe viele Leben gelebt. Ich war der, dessen Hand die Feder, und der, dessen Hand das Schwert hält. Alles hat sich aufgelöst wie Rauch im Wind. Heute bin ich derjenige, unter dessen Hand die Pflanzen gedeihen und morgen bin ich die Erde, aus der die Pflanzen neue Kraft gewinnen. Der Erde ist es egal, wieviel Gutes oder Böses jemand getan hat. Aus dem Gerechten und aus dem Bösen wachsen die gleichen Ähren. Vielleicht sind für sich im Wind wiegende Ähren alle Menschen gleichermaßen gerecht.
Ich bin Gärtner in einem Kloster, das zwei Tagesreisen von der Stadt Montpellier entfernt liegt und dessen Land der Graf Guillaume de Montmiral der Heiligen Kirche gestiftet hat. Im Jahr des Herrn 1142 machten sich dreizehn Brüder in Chalais auf den Weg, um den neuen Konvent zu gründen. In den Schriftstücken blieben von ihnen nur zwölf, da zwölf die Zahl der Apostel ist. Der nicht erwähnte Bruder war ich, aber das bereitete mir keine Seelenqualen. Des Menschen Leben verschmilzt ohnehin mit der Vergangenheit, wie der Fisch mit dem Wasser. Sogar dann, wenn es in Chroniken festgehalten wird. Es bleibt nur Fisch. Nur Wasser.
Als ich gestern den Wasserkrug aus dem Brunnen zog, beugte ich mich hinunter. Auf der schwarzen Oberfläche blitzte ein Gesicht auf. An Stelle der Augen waren zwei schwarze Höhlen. Zwei schwarze Schlünde. Je genauer ich hinsah, desto verschwommener wurden die Konturen. Es sah aus, als ob die Welt mich verstoßen wollte. Dort hinunter, in die Tiefe, wo aus dem Leben erst Nichts und dann doch wieder Etwas wird.


Ich war dabei, als Graf Guillaume die neuerrichteten Klostermauern besichtigte. Ihn begleitete hoher Besuch, Godefroy VII., Herr über Brabant. Es wird erzählt, dass in den Adern dieses Mannes das Blut Godefroy de Bouillons, des Hüters des Heiligen Grabes, fließt. Es schien der Wahrheit zu entsprechen. Dieselben hohen Wangenknochen. Derselbe unstete Blick. Weiter heißt es, dass Godefroy einer der mutigsten Kreuzritter war, und daher betrachtete ich seinen Nachkommen voller Interesse. Godefroy war ein Schwächling. Das, was für Mut gehalten wurde, war einfach Starrköpfigkeit. Die Angst, zurückzuweichen.
Die wahrhaft Mutigen sind im anatolischen Bergland und in der Wüste Syriens gefallen. Der Herr ruft die Gerechten zu sich. In sein Heer, damit sie in anderen Schlachten aufs Neue fallen können. Der Herrscher Brabants schaute mir in die Augen und ich habe den Blick nicht gesenkt. Ich darf mir das erlauben. Ich bin bloß der Gärtner, unauffällig und bedeutungslos wie die Grashalme im Klosterhof. Es heißt, ein unauffälliges Leben diene dem Lob Gottes.


Heute Nachmittag begann es hier in Boscodon heftig zu regnen. Die Wassermassen stürzten mit solcher Macht herab, als hätte jemand den azurblauen Becher mit einem Schwung ausgeleert. Bruder Glaber sagt, dass der Regen ein Teil der Erlösung ist, den der Himmel auf die Erde lässt, damit sie daran teil habe. Das klingt gut, ist aber eine Klosterweisheit. Den Regen verstehen nur die, die auf ihn warten: die Bauern, deren Getreide auf dem Feld schon seit Wochen verdörrt. Die Soldaten, die unter der Sonne Syriens schon halb verdurstet sind. Ich sah, wie sich auf der Erdoberfläche dunkle Flecken bildeten, die innerhalb weniger Augenblicke zu Sümpfen wurden. Der Regen war als spüle er alles weg, die Vergangenheit wie die Gegenwart. Die Mauern Jerusalems wie die Klostermauern. Gefängnisse aus Mauern. Die Welt verfiel und zerfiel, es blieb nur das vom Himmel stürzende Wasser. Ein himmlischer Wasserfall. Später, am späten Abend, gingen wir alle zur Messe. Ich stand mitten unter den Brüdern, aber es kam mir vor, als schaute ich von oben auf sie herab. Die Mönche sangen, und ihre Stimmen hallten in den Gewölben der neuen Kirche. Draußen regnete es immer noch.

Im Innenhof des Klosters blüht eine Magnolie. Im Sonnenschein scheint es, als leuchtete in jedem Blütenkorb eine Kerzenflamme. „Post tenebras spero lucem,“ murmelte der Abt, der im Kreuzgang stehen geblieben war und den Baum bewunderte. Dann sah er mich an, als erwartete er eine Antwort. Diese Welt ist voller Schatten, hätte ich sagen können. Warum nicht auch die nächste? Aber ich wusste, dass der Klostervorsteher nichts von mir erwartet. Also hielt ich den Mund.
In Boscodons Garten wachsen viele Pflanzen, nur Lavendel nicht. Es wäre schön, wenn er auch hier heimisch werden würde. Um das Kloster herum könnten sich Lavendelfelder ausbreiten wie in Languedocis, das wir mit Graf Raymonds Truppen durchritten. Wir schwankten in den Sätteln, die Sonne brannte über unseren Köpfen und blauer Lavendel wohin das Auge blickte, als wäre der Himmel auf die Erde gekommen herabgestiegen und hätte gesagt: noch ein wenig Geduld – Jerusalem kann schon die nächste Stadt sein, hinter dem himmelblauen Meer. Nur noch ein wenig Geduld. Viel ist nicht mehr geblieben.

[…]

S.29-34

Erstes Kapitel

Anno Domini 1095. Clermont.

Und so kam ich einige Tage vor den Kalenden des Dezember mit dem Söldner Dieter Lüth zum Konzil von Clermont. Wir beide sollten durch unsere Anwesenheit bezeugen, dass die Provenzalen dem Unternehmen der Heiligen Kirche mit ausreichender Begeisterung begegneten. Meine Aufgabe war, nach der Rückkehr aus Toulouse Graf Raymond von allem zu berichten. Dieter musste eine Lanze tragen, an deren Ende ein Fähnchen mit den Farben des Grafen wehte. So wie sie die Vasallen trugen, wenn sie sich vor der Schlacht um die Standarte ihres Lehnherrens versammelten. Aber Dieter war kein Vasall und auch kein Ritter. Ein einfacher Soldat war er, mehr nicht.
Dieter hatte das vierte Jahrzehnt seines Lebens erreicht und damit die Jahre an der Waffe eigentlich längst abgedient. Er war hager und zäh, mit wassergrauen Augen und unnatürlich hellen Haaren. Es sah aus, als hätte die Sonne sie gebleicht, eine Sonne, die deutlich schmerzhafter brannte als in der Provence. Später erfuhr ich, dass er mit Graf Raymond gegen die Mauren gekämpft hatte und unter den Mauern von Toledo durch seine Tapferkeit aufgefallen war. Ich hatte bemerkt, dass die ständig krakeelenden Soldaten bei seiner Anwesenheit stiller wurden, schenkte dem aber keine besondere Aufmerksamkeit.
Für mich war er einfach ein Kriegsknecht mit absonderlichem Wesen. Zwar mit einem wilden Äußeren, aber so sahen ja die meisten von ihnen aus. Und wenn jemand zu Beginn unserer Reise gesagt hätte, dass unsere Schicksale zusammengeschmiedet werden würden wie zwei Eisenstangen, aus denen der Schmiedemeister eine Schwertklinge fertigt, hätte ich ihn einfach ausgelacht.
Es ist schon viel über Erdbeben, die Nacht erleuchtende Kometen und andere göttliche Vorzeichen geschrieben worden, die alle dem Konzil vorausgingen und dem Vorhaben Papst Urbanus II Erfolg versprachen. Ich habe sie mir nicht gemerkt. Das einzige Bemerkenswerte war der Tod des Bischofs von Durand, unmittelbar vor dem Eröffnungstag der Synode. Aber selbstverständlich wollte niemand diesem traurigen Zwischenfall tiefere Bedeutung beimessen. Vom Konzil selbst weiß ich ebenfalls nichts. Es fand ja hinter verschlossenen Türen statt, wo weder Dieter noch ich etwas zu suchen hatten. Aber an Urbanus Rede, die das Konzil abschloss, werde ich mich bis an mein Lebensende erinnern.
Ein kalter Wintertag neigte sich dem Abend zu. Vor dem Osttor der Stadt standen etwa hundert Menschen. Viele waren von weither gekommen und sahen erschöpft aus. Die Menschen warteten und der aufsteigende Atem aus hundert Mündern blieb in der Luft stehen. Ich befand mich mitten in der Menge und trat von einem Bein aufs andere. Dieter stand an meiner Seite, die Lanze mit dem Fähnlein hatte er vor sich in den Boden gerammt. Dieter hatte einen Weinschlauch dabei, aus dem er von Zeit zu Zeit trank. Natürlich bot er ihn auch mir an, aber ich lehnte ab. Bei einem Vorhaben im Namen Gottes schien Trinken ein Sakrileg zu sein.
In der Mitte des Platzes erhob sich ein mit purpurnem Stoff geschmücktes Podium, auf das ein rot gestrichener Stuhl gestellt worden war. Die Menschen standen geduldig, schweigend. Endlich trat aus den Stadttoren ein Mann in einer weißen Robe, umringt von Soldaten. Das wogende Menschenmeer teilte sich wie vor Moses. Der Mann schritt, den Blick starr vor sich gerichtet, zur Mitte und stieg auf das Podium. Pontifex Maximus Urbanus II hob die Hände und segnete die Volksmenge. Dann wartete er gelassen bis auch der letzte Begeisterungsruf verklungen war.
„Brüder in Christus! Zu Schande und Gespött sind wir geworden!“ hallte es über das ganze Feld. Dieter, der sich auf das Schließen seiner Gürtelschnalle konzentriert hatte, hob überrascht den Kopf. „Dieser Papst schmettert ja wie die Posaunen von Jericho. Pass bloß auf, dass dir die Stadtmauer nicht auf den Kopf kracht, Jungchen.“
Urbanus hatte tatsächlich eine mächtige Stimme. Seine Worte hallten in der kalten Luft wider wie Schmiedehammerschläge, kraftvoll, gemessen, beharrlich. Das Eisen klirrte, gab nach, verformte sich und bekam neue Eigenschaften, die Luft wurde noch trockener und heißer, die glühende Masse wogte und erstarrte und wogte aufs Neue, ohne dass es für die Augen sichtbare Verbindungen und Übergänge gegeben hätte.
„ … die Heiden haben die Häuser Gottes geschändet, die Kirchen sind zu Ställen geworden, zu Ställen und Scheunen! Sie entleeren sich auf den Altären, sie ermorden die Christen und das aus ihren Wunden sprudelnde Blut sammeln sie in den Taufbecken und bespritzen damit die Kruzifixe. Wer hat jetzt die Pflicht alle diese Gräueltaten zu rächen? Wer, frage ich euch?“
Der Papst machte eine Pause und schaute sich fragend um.
„Wir,“ sagte Dieter und gähnte.
Der Pontifex streckte seine Hand aus und ballte sie zur Faust.
„Meine Brüder, zu eng ist es geworden in diesem von Bergen und Meeren begrenzten Land, diesem kargen, unfruchtbaren Land. Und deshalb mordet ihr, Brüder, richtet hin und stürzt andere ins Verderben, aber vor allem seid ihr im Begriff, selber zu verderben, im Höllengrab zu versinken, aber noch ist es nicht zu spät.“
Dieter krächzte und spuckte vor seine Füße.
„ … dann erhebt euch endlich und geht hin und gewinnt das Land zurück, in dem Milch und Honig fließen und dessen Erde von den Füßen des Erlösers berührt wurde. Steht auf und geht hin, denn ihr seid das neue Israel, Gottes auserwähltes Volk, stark wie ein Fels. Gott errichtet durch eure Hände ein neues Königreich, das bestehen bleibt. Es wird andere zerstören und vernichten, selbst aber auf ewig bestehen. Das ist der aus dem Berg brechende Stein, von dem der Prophet Daniel spricht. Der Stein, der auf seinem Weg Eisen, Bronze, Ton, Silber und Gold zerbricht! Ihr seid dieser Stein und euch gehört das Land!“
Urbanus sprach, und unter den Zuhörern erhob sich ein Murmeln, das an immer stärker werdendes Meeresrauschen erinnerte. Urbanus sprach, und das Volk war zu einem einzigen Wesen erstarrt, einem Monster, das mit seinen tausend Lungen nach Luft schnappte und über dessen Kopf weiße Rauchwolken aufstiegen wie bei Leviathan, von dem in der Heiligen Schrift berichtet wird. Urbanus sprach, und über seinem Kopf zogen die Wolken hinweg und der Himmel war hoch und in jedem Augenblick neu, als wollte er sagen: Alles fügt sich zusammen, vergeht und zerfällt und zerrinnt zwischen den Fingern, wofür also sammeln und bewahren, ja, besser ist es, die Faust zu lösen und nicht zu warten, bis die Finger aufgebrochen werden. Denn aufgebrochen werden sie.
„ … denn die Zeit des Antichrist ist nah, und was geschieht dann, wenn es im Heiligen Land keine Christen gibt, die ihm widerstehen? Wer tritt ihm dann entgegen? Wer befreit Jerusalem, die schmerzensreiche Braut? Die die Ungläubigen jeden Moment zu schänden drohen. Nackt und bloß ist sie den Heiden in die Hände gefallen, nur mit ihren goldenen Haaren bedeckt.“
„Das ging jetzt aber gründlich daneben,“ bemerkte Dieter. „Dem Päpstlein kocht das Blut über und jetzt ziehts ihn mit aller Macht zu den Weibern. Aber nicht wahr, wir sind doch alle Sünder und so mancher war schon lange nicht mehr bei den Huren in Rom.“
Gerne hätte ich Dieter das Maul gestopft, aber dann hätte ich den Redner nicht gehört. Ich sah, wie die Lippen des Papstes sich bewegten, auf und ab, vor und zurück, und tatsächlich, darin lag etwas Schamloses oder bildete ich es mir nur ein? Möglich, dass der Antichrist in jenen Tagen wirklich näher war als jemals zuvor. Ich hätte gern ein Kreuz geschlagen, aber meine Hände waren steif von der Kälte.
„… und die Hand, die die Peitsche hält, ist schon erhoben und kann jeden Augenblick auf den weißen Körper der Frau niedergehen und wer, frage ich, wer, wer frage ich, wer ist diese Frau, die…“
Urbanus Rede hatte in mir eine seltsame Begierde geweckt. Ihr Fundament war dunkel und wie besessen, aber darauf stützten sich weiße Gewölbe, goldene Türme und in der Abendsonne leuchtende Dächer. Die Abendsonne hatte die Stadt entzündet, die Kuppeln glänzten, knisterten und knirschten in der Hitze. Noch für wenige Augenblicke war es der Stadt bestimmt zu bestehen, schon waren die Balken verbrannt und das Metall bog sich, es war nur eine Frage der Zeit. Alles war jetzt eine Frage der Zeit, sogar die Ewigkeit war jetzt eine Frage der Zeit: Ewigkeit, Land, Staub, Reich, Olivenbaum, Öl, Geduld, Antichrist und all die übrigen Worte, die wie Asche in der Luft herum schwirrten. Es war die Begierde nach Jerusalem. Ich hatte darauf gewartet. Es gewollt. Ich hatte gewollt, dass ich es wollen würde.
Deus volt! rief jemand aus der Mitte der Menge. Deus volt! Und dann fing es an. Ein und derselbe Ruf, in verschiedenen Sprachen. Deus vult! Deus lo volt! Diex le viaut! Dieu le veut! Deus… Dreckskerl! Brüllte der immer trunkenere Dieter, lachte aus voller Kehle und nahm einen großen Schluck. Dreckskerl! Deus vult! Drecksdeus! Depp! Deppendeus! Haa! Er schmiss den leeren Weinschlauch im hohen Bogen in die Menschenmenge. Halleluja! Heiliger Bimbam! Himmelarschundzwirn! Gloria panterai! Asjeraado! Mein Gefährte atmete tief ein und steckte zwei Finger in den Mund, das Blut schoss ihm ins Gesicht, und ich dachte, gleich würde er sich übergeben, aber stattdessen pfiff er durchdringend. Ringsumher wütete ein Sturm, Rufe, Stimmen und Wörter prallten gegeneinander, kreuzten und vermischten sich und bekamen neue Bedeutungen und blieben doch dieselben, und immerzu wollte jemand etwas, immerzu, immerzu, immerzu und es erweckte in mir den Wunsch, mir die Ohren zuzuhalten, mich zusammen zu kauern und zu heulen.
Urbanus sank auf den Stuhl und seine Hände zitterten, wieso, fragte ich mich, vor Aufregung oder vor Angst oder vor beidem. „Meine Brüder!“ rief Urbanus. „Das Wort des Heilands hat sich erfüllt: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Denn der Herr ist heute mitten unter euch. Nur Er selbst konnte euch diese Worte in den Mund legen. Von nun an sei dies euer Schlachtruf. Von nun an gelte es im Heer des Lebendigen Gottes! Gott will es!“
Dieter wischte sich eine Träne von der Wange und rülpste, eine Mischung aus Wein und Knoblauch. „Lebendig, lebendig, du alter Hornochse,“ murmelte er vor sich hin. “Wie denn sonst. Natürlich lebendig. Nur die Toten wollen nichts mehr. Vielleicht nur noch mehr Tote. Alles Hornochsen, Herrgott noch mal.“ Für einen Moment entstand eine Pause, die Menschen schöpften Atem, aber das war nur die Stille zwischen zwei Sturmböen, und ich wusste, dass der Wind den Sturm bald aufs Neue entfachen würde.
Später, nach Jahren, las ich Aufzeichnungen, in denen von tausenden Menschen berichtet wurde, die sich vor Clermont versammelt hätten. Hohe Adelige unter ihnen. Klirrende Schilde und im Wind wehende Standarten. Alles Lüge. Wir waren kaum ein paar hundert. Und unter uns kein einziger hoher Herr. Aber es genügte. Wir waren uns selbst Herren, Herren des Herrn, so wie Urbanus, Servus Servorum Dei, der namhafteste unter uns, Knecht der Knechte und Diener der Diener war. Wir waren Gott, und das machte uns größer als Gott. Gott war nur ein Wort. Ein Name. Der einzige Name. Jerusalem.
Jerusalem, dachte ich. Jerusalem. Die Menschenmenge wogte. „Wisst ihr es nicht?“ rief Urbanus und schüttelte die Fäuste, „Habt ihr es nicht vernommen? War es euch nicht von Anfang an bekannt! Habt ihr es nicht immer wieder erfahren seit der Grundlegung der Erde, dass er der ist, der … über dem Wasser … wie die Grashüpfer… der den Himmel ausspannt...“ Die Welle toste und erstickte seine Rede, aber selbst diese Undurchdringlichkeit durchschnitt eine Stimme, hart, klar und gleißend wie ein Feld aus Schnee. Siehe, sprach diese Stimme, ich habe einen aus dem Norden erweckt und er ist gekommen. Er ist angekommen.


[…]




S.255-257:

Nach Sonnenuntergang machen wir uns auf den Weg nach Harem. Siebenhundert Ritter, bleich und mit vom Hunger eingefallenen Gesichtern. Wir versuchen das Lager möglichst leise zu verlassen, um nicht die Aufmerksamkeit der Verteidiger von Antiochia zu erwecken. In Schlachtordnung bewegen wir uns entlang der Straße nach Aleppo, geräuschlos wie Gespenster. Eine Geisterarmee, denke ich, während ich mich umschaue. Durch die Nacht gleitend, am Morgen verschwunden. Die, die sagen: wäre es doch schon Abend. Die die Schatten als Freunde haben. Und die Dunkelheit zum Verbündeten. Schrecken der Dunkelheit.
Einige Stunden vor der Dämmerung fängt es an zu regnen. Es regnet nicht stark, trotzdem sind wir bald durchnässt. Zu Sonnenaufgang erreichen wir die Ebene zwischen einem See und einem Fluss, die Bohémond als Schlachtfeld ausgesucht hat. Wir sind von den Seiten geschützt und können alles für einen einzigen Angriff einsetzen. Wie ein Skorpion, der den Stachel ausstreckt und bereit ist zu stechen. Blinde, die die Stärke des Gegners nicht kennen, mit dem simpelsten Angriffsplan.
Und dann ist wieder früher Morgen und wieder eine Schlachtordnung, aber das Gefühl ist jedes Mal ein anderes, das Bumm-Bumm des Herzen, der Geschmack des Staubes, des Eisens und das Blitzen der Schwerter vor Augen. Das Wissen, dass du in einem Stück und am Leben bist, so lebendig, wie man überhaupt nur sein kann und du könntest zweihundert Jahre leben wie Abraham, aber lebendiger bist du bis zur Stunde deines Todes nicht mehr. Wir sind in sechs Bataillone aufgeteilt, schweigende Ritter, Klinge und Lanzenspitze der Pilgerreise und dergleichen mehr. Was in den übrigen fünf geschieht, davon weiß ich allerdings gar nichts. Ich kenne nur den, der neben mir ist, und mich selbst kenne ich auch, wenngleich dieses Gefühl vergänglich ist und fliehen möchte, wie ein in der Hand gefangener Vogel, dessen Herz hämmert und der nur daran denkt, wie er sich losreißen könnte.
Und dann galoppiert Bohémond vor die Reihen, auf einem schwarzen Hengst, hinter seinem Rücken weht die Standarte mit der roten Schlange, der Fahnenträger ist ein junger Knabe, noch ganz kindlich, und seine Hände zittern. Er ist jung, er hat Angst. Das ist normal.
„Nur Mut, Männer,“ sagt Bohémond. „Bleibt standhaft. Bald werden wir sie alle töten. Diese lächerlichen Ponyreiter können unserem Angriff nicht standhalten. Der Regen hat ihre Bogensehnen verdorben und im Nahkampf können sie nichts gegen uns ausrichten. Denkt an den Ruhm eurer Vorfahren. Und daran, dass in Zukunft von euch gesprochen wird. Wenn ihr das Horn hört, dann - Lanzen vor und los! Metzelt die Heiden nieder, und der Herr ist mit euch zufrieden.“
Das ist eine gute Rede. Kurz und klar. In der Sprache bewaffneter Männer, nicht in der der Chronisten. Und dann ertönt das Horn und wir ziehen los. Wir wissen nicht, wie viele Ungläubige uns gegenüberstehen, aber es ist anzunehmen, dass es tausende sind. Wir denken nicht darüber nach. Das seitlich aufgestellte fünfte Bataillon greift den auf der Straße nach Aleppo herannahenden Feind an, der von unserer Anwesenheit keine Ahnung hat. Einen Augenblick lang haben sie den Sonnenaufgang vor sich, die Ebene, den Fluss und den See und im nächsten Augenblick blendet sie ein Wall aus Eisen und dieser Eisenwall sind wir und an diesem Tag sind wir noch vieles mehr. Und Ridwans Vorhut ist kein Gegner für uns, nicht einmal so sehr, dass sie unsere Angriffswelle zum Stillstand bringen würde. Wir mähen sie nieder wie eine Sichel das Korn, hinterlassen auf dem Feld große dunkle Lücken. Aber das ist nur die Vorhut des Feindes, je weiter wir vorrücken, desto dichter wird alles. Aber trotzdem schaffen sie es nicht, uns aufzuhalten.
Es gibt einige, die im Nachhinein argumentieren, dass die Sonne, die hinter unserem Rücken schien, eine entscheidende Rolle spielte, oder die Hügel zur Linken, was den Feind verwirrte, weil er keine Ahnung hatte, wie viele wir noch in der Hinterhand hatten. Eins ist klar – Bohémonds Kriegslist funktionierte, und sogar diejenigen unter uns, die sich auf den Tod eingestellt hatten, merkten, dass der Tod an diesem Tag mit den Ungläubigen beschäftigt ist und ihm für uns nicht besonders viel Zeit bleibt. Und uns, uns blieb nur, ihm immer neue Ungläubige zu schicken, damit die Sichel ununterbrochen in eine Richtung schwingen kann und der Bogen des Schnitters sich nicht wendet. Es ist schwere Arbeit und wir geben unser bestes und das einzige, was wir spüren, ist, dass wir anstatt zurück zu weichen uns nur vorwärts bewegen und Narren wären, würden wir das nicht ausnutzen. Wir fürchten, dass es genauso gut enden könnte, dass das Kriegsglück sich wendet, und dann ist es an uns zurück zu weichen, wie damals, vor dem Haupttor, deshalb schlagen, schlagen und schlagen wir, auf einmal scheint etwas zu brechen, es gibt keine Gegenwehr mehr, wir schlagen trotzdem weiter und dann ist das Feld vor uns frei und der Feind flieht und die Schlacht ist aus. Wir haben Ridwans Streitkräfte zerschlagen, der Pilgerzug ist gerettet.
Wir stecken die Schwerter in die Scheiden und steigen aus dem Sattel und stehen auf dem Schlachtfeld, mit gesenktem Haupt, und einige fallen wegen ihrer Wunden und vor Erschöpfung um. Aber dann kommt Bohémond und sagt, dass wir Gottes Schlacht geschlagen haben und dass wir gewonnen haben. Und er sagt weiter, dass wenn das alles kein Wunder Gottes ist, dann möchte er wissen, was denn ein Wunder sei. Aber vor allem möchte er unseren Mut bezeugen, denn mutigere Mannen hat er in seinem ganzen Leben nicht gesehen. Und er entblößt seinen Kopf und verneigt sich tief vor seinem Heer, denn in diesem Augenblick ist Gottes Heer Bohémonds Heer und das ist richtig und verdient. Ich betrachte ihn und wünschte, dass ich fähig wäre, Freude über den Sieg zu verspüren. Aber das einzige, was ich verspüre, ist Müdigkeit.

Übersetzt von Clara Epping


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