10.05.2009

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The Estonian Literature Centre organised a workshop for translators of Estonian literature into German, hosted by the Baltic Centre for Writers and Translators in Visby, Gotland on the last week of May (25 to 30 May, 2009). Estonian-German translators’ workshop focused on schooling young translators; from among talented native Germans eight were selected. The workshop programme included lectures on literary translation (Prof. Cornelius Hasselblatt), publishing business (Dr Oliver Ihle), the Estonian language (Katrin Kern) and literature (Prof Cornelius Hasselblatt and Irja Grönholm). A main emphasis was laid on practical work with literary texts (novel, drama and poetry), analyses of translations and discussing translation problems. The workshop gave the participants a practical experience of translation. The graduates of the workshop should be able to translate literature from Estonian into German independently.
The workshop took place with the support of the Estonian Cultural Endowment, the Baltic Centre for Writers and Translators in Visby and Literature Across Frontiers.
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Übersetzer gesucht.
Zum ersten Seminar für Übersetzer estnischer Literatur ins Deutsche
Text: Ulrike Plath

Nach einem Höhenflug deutschsprachiger Übersetzungen estnischer Literatur in den 1990er Jahren nahm die Zahl der übersetzten Bücher vor der Jahrhundertwende deutlich ab und stagniert seither auf niedrigem Niveau. Während das estnische Theater an Bekanntheit gewinnt, verliert das estnische Buch im Land der Frankfurter und Leipziger Buchmesse an Bedeutung. Wie erklärt sich der Rückgang estnischer Literatur in Deutschland?
Sicherlich spiegelt die Verfallskurve das sinkende Interesse gegenüber der estnischen Sprache und Literatur an deutschen Universitäten, ein Prozess, der durch den Hochschulreformprozess beschleunigt wurde. Zum anderen erkennt man in ihr einen weitaus tiefer greifenden Generationenbruch zwischen denjenigen Estophilen, die sich aufgrund familiärer Vorprägungen mit dem Baltikum beschäftigten und deren Interesse sich während der Perestrojka und der Wende in einem andauernden Interesse an der estnischen Kultur und Literatur niederschlug. Ihnen gegenüber steht die Vielzahl von Deutschen, die seit den 1990er Jahren aufgrund von Liebesbeziehungen und Arbeitsverträgen kurz- oder längerfristig den Weg nach Estland gefunden haben – der Literaturübersetzung hat sich von ihnen bislang keiner gewidmet.
Seit Jahrzehnten liegt die literarische Übersetzung aus dem Estnischen somit auf den Schultern einiger weniger Personen, deren Zahl man an einer Hand ablesen kann: Irja Grönholm, Cornelius Hasselblatt, Wilpert Jänicke, Bernhard Thomas. Ihre Kapazitäten sind begrenzt, ihre Vorlieben deutlich. Je größer der Kreis von Übersetzern und je durchmischter ihre Altersstruktur, desto breiter wird das Spektrum der estnischen Literatur in Deutschland, desto spannender, vielfältiger wird sie. Für junge Literatur braucht es junge Übersetzer. Autor und Übersetzer müssen einander finden.
Dass dieser Prozess sichtlich ins Stocken geraten war, war dem Informationszentrum für Estnische Literatur (elic) ein Dorn im Auge. Um das Interesse an der Übersetzung estnischer Literatur zu wecken und die hierfür notwendigen handwerklichen und marktstrategischen Fähigkeiten zu vermitteln, lud er vom 25. bis 29. Mai 2009 acht im Vorfeld aufgrund von Probeübersetzungen ausgewählte Seminaristen deutscher Muttersprache zu einem Schulungsseminar in das Literaturhaus nach Visby ein.
Die Gruppe bestand in der Mehrzahl aus jungen Frauen um die 20, mit wenigen Ausnahmen Übersetzungsneulinge, die ihren Schulabschluss noch nicht lange in der Tasche hatten. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen hatte ein Austauschjahr als Schüler in einer estnischen Gastfamilie verbracht und in dieser Zeit bemerkenswerte Sprachkenntnisse erlangt. Nach der Rückkehr nach Deutschland stehen sie vor der Frage, wie sie ihr Interesse an Estland mit ihrem weiteren Berufsweg in Verbindung bringen können.
Das Seminar, das inhaltlich getragen wurde von Irja Grönholm und Cornelius Hasselblatt, führte somit unterschiedliche Generationen Estlandinteressierter zusammen, die zuvor kaum von einander wussten. Jede Generation von Estlandbegeisterten nimmt das Land im Umbruch anders wahr; wichtiger als die Unterschiede aber ist das gemeinsame Interesse an der Sprache und Literatur.
In drei intensiven Arbeitstagen wurden die vorliegenden Probeübersetzungen (Jaan Kaplinski „Seesama jõgi“, Andrus Kivirähk „ussisõnad“, Gedichte von Mari Under, Viivi Luik und Jürgen Rooste) ausführlich besprochen und ein Auszug aus Marin Algus’ Theaterstück „Janu“ übersetzt. Während der praxisorientierten Übungseinheiten wurden Freiheiten und Fehlerquellen des literarischen Übersetzens deutlich, wobei Irja Grönholm Verständnis für den Alltag als Übersetzerin und den Alltag des Übersetzens weckte. Die mühevolle Arbeit an der eigenen Ausdrucksfähigkeit erfolgte in angenehmer und gleichberechtigter Atmosphäre.
Eingerahmt waren die praktischen Übungseinheiten von Vorträgen zur Entwicklung der estnischen Prosa und Lyrik (Cornelius Hasselblatt) und zur Entwicklung des estnischen Dramas (Irja Grönholm). Katrin Kern wies auf die vorhandenen online-Wörterbücher der estnischen Sprache und die umgangssprachlichen Sprachschichten im Estnischen hin. Zuletzt gab Oliver Ihle, Leiter des ihleo-Verlagsbüros, einen Überblick über die notwendigen Schritte einer Initiativbewerbung seitens eines Übersetzers bei einem deutschen Verlag.
Hierbei wurde der problematischste Punkt des Seminars angeschnitten: Die Rolle des Übersetzers aus einer kleinen Sprache wie der Estnischen im deutschen Verlagswesen verlangt ein Höchstmaß an Eigeninitiative, wird jede ursprüngliche Begeisterung doch schnell von den pragmatischen Fragen der Vermarktung eingeholt. Gefordert sind von den Übersetzern daher nicht nur ein Höchstmaß an Sprachgefühl, sondern zudem ein bestmöglicher Überblick über die europäische Bücherlandschaft, die Charakterisierung der Besonderheiten des estnischen Büchermarkts in ihr, ein adäquates Auftreten gegenüber den zukünftigen Verlegern sowie die richtigen Strategien der Selbstvermarktung. Übungen zur erfolgreichen Buchpräsentation rundeten daher das Seminar ab und wiesen in die Zukunft.
Die Tage auf Visby machten deutlich, wie ansteckend Literatur sein kann. Mitunter schien die neu entdeckte Übersetzerpersönlichkeit in einem deutliche Konturen anzunehmen. Dies lag natürlich an der inspirierenden Umgebung des dortigen Schriftsteller- und Übersetzer-Hauses und den Gesprächen mit den Personen vor Ort, den Schriftstellern und Übersetzern, dem Austausch untereinander. Visby wirkt fort in Form eines monatlich erscheinenden Newsletters, in dem die Seminaristen sich mit Informationen zur Übersetzung aus dem Estnischen in das Deutsche, Förderungsmöglichkeiten, Neuerscheinungen und zu den persönlichen Werdegängen versorgen und den Kontakt halten. Mehr noch wirkt Visby aber in einem jedem von uns fort. Es wird sich zeigen, wie stark der Drang zur Literatur ist, wie ausgeprägt die Begabungen sind, wie ansteckend das Übersetzer-Virus ist. Die Möglichkeit, sich als Übersetzer neu zu entdecken, wurde gegeben. Für diese Erfahrung gilt allen mein größter Dank! Alles Weitere braucht Zeit.

English version published in ELM

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